Rainer Laabs

6 min.


Generalversammlung 2024: „Gilde, die Genuss-Handwerker“

FRANKFURT Rainer Laabs über eine stolze Branche im Wandel, eine starke Genossenschaftsmarke und einen informativen Austausch auf der Süffa in Stuttgart.

Zentrag ist nun Gilde: Die Generalversammlung der Zentralgenossenschaft des europäischen Fleischergewerbes beschloss im April einstimmig die Umfirmierung. Der hauptamtliche Vorstandssprecher Rainer Laabs spricht mit der afz über die neue Gilde und die bewährte Süffa.

Herr Laabs, Sie sind nun ein gutes Jahr im Amt und haben viele Gespräche geführt. Welche Erkenntnisse haben sie gewonnen, wie steht es um die Branche?

Rainer Laabs: Die Branche ist ganz schön im Umbruch und wird auch ganz schön gebeutelt. Wir haben es mit sich häufenden Betriebsschließungen in unserem Kernkundenklientel der Metzgereien zu tun. Ich kann es nachvollziehen, es sind zwei zu meisternden Herausforderungen: Fleischerhandwerker üben mit Leidenschaft ihren Beruf aus, das ist fast schon eine Berufung. Aber wenn die Hauptaufgabe ist, etwas zu produzieren, und man einen Großteil seiner Zeit im Büro mit Dokumentationen und anderen bürokratischen Dingen verbringen muss, dann stimmt da was nicht. Hinzu kommt, dass unsere Branche unter jungen Menschen nicht unbedingt attraktiv ist. Es fehlen der Nachwuchs und die „gelernten Hände“. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Inhaber von guten Betrieben irgendwann mal sagen, ich habe keine Lust mehr, wenn sie in die Nähe des Rentenalters kommen. Zum Glück ist das nicht die Regel.

Wie kann das Fleischerhandwerk wieder attraktiver werden?

Laabs: Im Zuge der Diskussion rund um das Thema Ernährung hat Fleisch zu Unrecht Schaden genommen. Wir haben uns immer nur noch gerechtfertigt, statt stolz zu sagen, ja, das ist unser Handwerk und wir produzieren Genuss. Weder Winzer noch Konditoren werden in der Art und Weise angegangen. Wir müssen das Image der Branche in der Außenwirkung wieder aufpolieren. Ein Baustein ist da der „Fleischer des Jahres“, den wir mit der afz in diesem Jahr erstmals am Vorabend der Süffa auszeichnen. Der Preisträger hat eine Leuchtturmfunktion, die junge Menschen für diesen großartigen Beruf begeistern kann. Ich bin überzeugt, dass es immer Metzgereien geben wird. Regionalität, Kernkompetenz und Kundennähe sind Stärken, die immer gefragt bleiben.

Das Motto Ihrer Generalversammlung in diesem Jahr lautete „Ein Team. Ein Geist. Ein Ziel“ und hatte die Umfirmierung von Zentrag zu Gilde zum Zweck. Wieso dieses Motto?

Laabs: Die Zentrag war eine Verbundgruppe, die aber nicht als Verbundgruppe aufgetreten ist. Die Summe der Einzelbetriebe hat Kompetenzen und Stärken, die die Gruppe auch nutzen muss. Mit dem Motto haben wir den gemeinsamen Weg eingeleitet, der in der Umfirmierung seine Fortsetzung gefunden hat. Die Umfirmierung brauchte die Zweidrittelmehrheit der Generalversammlung. Von den vertretenen 52 Mitgliedern haben wir einstimmig den Rückhalt bekommen. Wir müssen zu einer Verbundgruppe mit Außenauftritt werden, wir müssen eine Einheit werden. „Ein Team. Ein Geist. Ein Ziel“ soll aufzeigen, wo der Weg hinführen muss. Dieser gemeinsame Weg ist von allen gewünscht und unterstützt, denn alle sagen, dass diese Veränderung richtig ist.

Läuft die bisherige Umsetzung wie geplant?

Laabs: Die Umfirmierung ist binnen vier Wochen im Genossenschaftsregister eingetragen worden, viel schneller, als ich es für möglich gehalten habe. Trotzdem können wir nicht mit einem Paukenschlag sagen, wir sind jetzt die neue Marke, denn es sind noch sehr viele Dinge umzusetzen. Wir arbeiten unsere Vielzahl von Maßnahmen sukzessive ab, beispielsweise die Webseite so zu gestalten, dass sie die Gilde-Gruppe nach außen sichtbar macht und den modernen Vertrieb abbildet. Da darf man gespannt sein. Ein dickes Lob gilt bei der Ausgestaltung dem gesamten Team, das mit Leidenschaft, Offenheit und Wertschätzung zusammenarbeitet.

Wie sieht es mit der Implementierung in der Gruppe aus?

Laabs: Im nächsten Schritt wollen wir unsere Partner überzeugen, den Gilde-Gedanken in der Gruppe zu leben. Wir haben 38 großartige Partnerbetriebe, die professionell und sehr kundenorientiert in den Regionen arbeiten. Als Gruppe haben wir 2023 die Milliardengrenze im Umsatz übersprungen. Bei den Stärken, über die die Gruppe verfügt, sehen wir hier das Potenzial bei weitem nicht ausgereizt, wir sehen es in der Öffnung zum gesamten Lebensmittelhandwerk. Das kann uns als Gruppe sehr gut gelingen. Je professioneller und je mehr Synergien wir heben, desto besser stärken wir den einzelnen Partner, und damit erfüllen wir unseren Förderauftrag als Genossenschaft.

Warum ist die Rechtsform einer Genossenschaft modern?Laabs: Die Rechtsform der Genossenschaft ist besonders nachhaltig, wo sonst, außer in seinem eigenen Betrieb, kann der Kunde mitentscheiden, was mit dem erwirtschafteten Geld passiert, wo kann er Entscheidungen über strategische Entscheidungen, die eigne Versorgung, Personalien und Gewinnverwendung treffen? Das gibt es sonst nirgendwo.

Was soll das neue Logo über Gilde aussagen?

Laabs: Wir wollen auch Jüngere ansprechen und frischer wirken. Das Gilde-Logo ist etabliert, wurde seit 1989 nicht mehr verändert und ist ein wenig in die Jahre gekommen. Jetzt haben wir dieses Logo „modernisiert“, haben unsere neue Strategie, unseren Ansatz und unsere Werte eingebracht und sind doch der Gilde treu geblieben. Der gesamte Auftritt ist moderner, in der Bildsprache sind wir deutlich kulinarischer geworden und stellen das gesamte Lebensmittelhandwerk in den Mittelpunkt. Moderne Fleischer verstehen sich schon lange als Lebensmittelhandwerker, und die Grenzen zwischen Gastronomie und Fleischerei sind fließend.

In welchen Bereichen warten Sie noch mit dem neuen Markenauftritt?

Laabs: Bei der Gilde Meistermarke, der Handelsmarke für das Ladensortiment der Fleischerei. Die Artikel verkauft der Metzger direkt an seine Kunden. Das lassen wir zuerst einmal unangetastet, damit die Stammkunden diese Artikel weiter in der gewohnten Qualität kaufen können. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir eine begleitende Verbraucherkampagne starten.

Wie sichtbar ist die neue Gilde auf der Süffa?

Laabs: Der gesamte Stand ist neu gebrandet und stellt „Gilde, die Genuss-Handwerker“ in den Mittelpunkt. Wir kommen aus dem Bereich Fleischer, das bleibt unser Kernmarkt. Deshalb ist der Stand von der Bildsprache auf den Fleischerhandwerker ausgerichtet, wenngleich wir uns jetzt behutsam dem gesamten Lebensmittelhandwerk öffnen wollen. Von diesen Branchen ist der Metzger mit Angeboten wie beispielsweise Partyservice, Mittagstisch, Feinkost, Foodtrucks, Außer-Haus-Geschäft und Schulverpflegung gar nicht weit entfernt. Also müssen wir auch in diesem Bereich Alternativen bieten, etwa Convenience in Top-Qualität bei Produkten, die außerhalb der Kernkompetenz des Metzgers liegen oder ihn bei Personalknappheit unterstützen. Der neue „Fleischer des Jahres“ ist daher auch ein klares Zeichen an die Branche, dass wir die Genossenschaft der Metzger bleiben.

In Ihrer jetzigen Funktion ist das Ihre zweite Süffa. Worauf freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?

Laabs: Da ich weiß, wie unser Messestand aussieht, freue ich mich sehr auf ihn, unser Auftritt ist frisch und modern mit Schwerpunkt Food. Wir haben einen Marktplatz mit tollen Produzenten eingerichtet, beim Catering zeigen wir, was sich mit den Produkten aus unserem Angebot zaubern lässt. Es lohnt sich vorbeizukommen. Ich freue mich außerdem, dass wir dieses Jahr mit dem Fleischerverband Österreich, der Megem München und der Evenord Nürnberg drei neue Partner mit am Stand haben. Zusammen mit den altbewährten Genossenschaften aus Böblingen/Gärtringen, Heilbronn, Memmingen, Offenburg, Ravensburg, Reutlingen, Schwäbisch Gmünd, Weilerbach, Stuttgart und Stockach sind wir sehr gut aufgestellt. Die größte Vorfreude habe ich jedoch auf die vielen informativen Gespräche mit vielen tollen Menschen.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 38/2024